Ein Job für Menschenfreunde

Schwäbische Zeitung, 2013

RAVENSBURG - Was ist schwieriger: Bürgermeister werden oder Bürgermeister sein? Wer im Amt ist, wird selten so richtig für die viele Arbeit geschätzt. Doch auch der Weg auf den Chefsessel in einer Stadt oder Kommune ist steinig, manchmal sogar unfreiwillig komisch.

1998 etwa versuchte der parteilose Wahlkämpfer Günter Geyer in Süßen im Kreis Göppingen seine potenziellen Wähler mit Äpfeln zu beglücken. Dummerweise war in vielen Früchten der Wurm drin. Ob die Tierchen dem Kandidaten die Wahl gekostet haben, ist nicht bewiesen. Doch geholfen haben die löchrigen Äpfel Günter Geyer sicher auch nicht.

Noch eine Anekdote gefällig? Im Sommer 2000 präsentierten sich die Rivalen um das Bürgermeisteramt von Herbertingen (Kreis Sigmaringen) dem Publikum. Die Stimmung war hitzig, doch nicht wegen der Debatten auf der Bühne. Die Sonne hatte die Luft im Saal ordentlich erwärmt. Das transpirierende Publikum und zwei leistungsstarke Lichtstrahler, die die Kandidaten ins rechte Licht rücken sollten, taten ihr Übriges. Kandidat Michael Schrenk tropfte der Schweiß von der Stirn, dass er sein Redemanuskript kaum noch entziffern konnte. Entsprechend holprig war seine Rede. Am Ende sollte er die Wahl gewinnen, doch der Auftritt hätte ihn beinahe etliche Stimmen gekostet.

Klaus Abberger könnte viele solcher Geschichten erzählen. Der Wahlkampfexperte, Jahrgang 1967, leitet das WAHLBÜRO 7…. in Rottenburg am Neckar. Über 100 Bewerber und Bewerberinnen für Bürgermeisterämter in Baden-Württemberg hat er schon beraten. Seit 15 Jahren arbeitet er im politischen Marketing. Was seine Aufgabe ist? Auf Abbergers Homepage steht es klipp und klar zu lesen: „Gerne helfe ich Ihren politischen Absichten auf die Sprünge, verhelfe ich Ihnen zu den jeweils erforderlichen Mehrheiten.“

Abberger vermittelt Kandidaten an Kommunen und unterstützt sie im Wahlkampf. Er knüpft zum Beispiel Kontakte und schreibt Reden. Über seine Erfahrungen in zahlreichen Wahlkämpfen hat Abberger nun das Buch „Bürgermeister – Was tun gegen die Bewerberflaute?“ geschrieben. „Mein Eindruck ist, dass es immer weniger qualifizierte Kandidaten für Bürgermeisterämter gibt“, sagt Abberger und nennt das Beispiel Rickenbach im Schwarzwald. Hier seien zwar vor Kurzem 27 Kandidaten angetreten, wirklich wählbar seien aber bloß zwei gewesen. Doch warum fehlt es an guten Bewerbern? Vielleicht liegt es an der vielen Arbeit, die ein Bürgermeister hat und die nicht immer angemessen gewürdigt wird. Diesen Eindruck bekommt man nämlich bei der Lektüre. Mit seinem Buch will Abberger zeigen, was sich im Wahlkampf hinter den Kulissen und im ausgefüllten Alltag der Entscheidungsträger abspielt. Dabei bricht der frühere Journalist eine Lanze für die Bürgermeister. Für ihn sind sie die „starken Schultern des Südwestens“, wie er es formuliert. Und diese hätten häufig viel zu tragen.

Abberger lässt in seinem Buch Politiker, Wissenschaftler und Journalisten zu Wort kommen. Bürgermeister berichten in Interviews von Wählern, die immer kritischer werden, und von steigenden Anforderungen. „Ordentlich verwalten reicht nicht mehr aus, man muss die Gemeinde strategischer und auf sichtbaren Erfolg hin führen. Dadurch gibt es mehr Konflikte und Fehlerquellen. Das Risiko wird größer“, sagt zum Beispiel Rainer Prewo, der frühere OB der Schwarzwaldstadt Nagold. Gibt es zumindest eine Schonfrist für Anfänger im Bürgermeisteramt? „Da wird nicht verziehen“, gibt der frühere Bürgermeister von Süßen, Marc Oliver Kersting, zu Protokoll. Und es lauern weitere Widrigkeiten: Wer in einer klammen Kommune im Rathaus sitzt, wird schnell vom Gestalter zum Mangelverwalter. Und die Wahlkämpfe werden auch immer teurer.

Warum tritt dann überhaupt noch jemand als Bürgermeisterkandidat an? Natürlich, weil der Job viele gute Seiten hat. „Ein Bürgermeister hat faktisch keinen Chef über sich, mal abgesehen vom Landrat“, sagt Abberger. So viel bewirken und bewegen könne man in kaum einem anderen Beruf. „Als Bürgermeister können Sie einer Stadt Ihren Stempel aufdrücken“, sagt der Autor. „Sie haben eine Menge Abwechslung. Sie wissen morgens nicht, was Sie abends alles geschafft haben werden.“

Wer Geschmack gefunden hat an einem derart abwechslungsreichen Beruf, sollte sich noch Abbergers Grundregel für einen gelungenen Wahlkampf zu Herzen nehmen: „Die Stadt muss zum Kandidaten passen und umgekehrt.“ Der ideale Bürgermeister sollte zudem fleißig sein, optimistisch, ehrlich und mit einem starken Charakter gesegnet, sagt der Wahlkampfprofi. Und das Allerwichtigste: „Man muss die Menschen mögen.“

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